Meine Freunde,
Kunst hat keine Legitimation, Zweck oder Erklärung. Kunst ist eine Form zu leben. Wir, die Gitarristen meiner Generation, hatten das Privileg, dem unvergesslichen ANDRES SEGOVIA zu begegnen und von ihm inspiriert zu werden. Ohne ihn wäre unser Leben nicht das Selbe. All unsere Besessenheit in unserer Liebe zur Musik und zu ihrer unvergleichlichen Stimme, der Gitarre, ist in der Berührung durch Segovia verwurzelt. Die Gitarre in Segovias Jugend war ein Instrument der Tavernen, der Friseursalons, des Marktplatzes und der Fiestas. Es ist Segovias Lebenswerk, sie geadelt zu haben. Er hat sie zu einer exotischen Königin der Musik erhoben. Der Stolz, den wir als Gitarristen empfinden, mit ihr verbunden zu sein, ist unumstößlich, auch wenn heute das allgemeine Interesse des breiten Publikums sich - wie schon so oft - anderen Bereichen der Musik zuzuwenden scheint.
Die Gitarre strebt nicht nach dem Spektakel, nach dem flamboyanten Auftritt. Sie ist vielmehr die Transformation der Eleganz und Poesie einer andalusischen Prinzessin. Sie verschenkt großherzig ihre Noblesse, ihre Warmherzigkeit, ihre Großzügigkeit und Liebenswürdigkeit an die Seele der Zuhörer. Die Gitarre trägt in sich die Stimmen der Völker, die einst Andalusien durch ihr Zusammenleben und Wirken zum Europa des Mittelalters gemacht haben. Mauren, Juden, Christen bildeten eine Einheit, aus deren Mitte - trotz aller menschlichen Schwächen, Zwietracht, Neid, Kleingeistigkeit - dennoch die Weisheit, Klugheit und Schönheit entsprang, die uns noch heute geistig nährt. Wer Segovia und der Gitarre zuhört, hört das Echo der Zeiten. Wer großen Künstlern wie Eliot Fisk oder Hopkinson Smith zuhört, erfährt, das dieses Echo noch immer nicht verklungen ist. Und wer den jungen Talenten von heute zuhört, kann erfahren, daß die Faszination für Schönheit und Wahrhaftigkeit keine Epoche hat. Und Schönheit und Wahrhaftigkeit bleiben unsere einzigen noch tauglichen Waffen gegen die Abgründe der Zeit, in der wir leben.
Wolfgang Weigel (künstlerischer Leiter)